... und ich hab's doch gemacht...: 
Der Postritt

Termin: 18. August 2002
Strecke: Benkeloh - Wehlen (Niedersachsen), ca. 25 km

Es ist Sonntag. Es soll mal wieder ein richtig schöner Tag werden: Die Sonne scheint, es ist warm und die letzten Wochen waren sehr anstrengend (auch für Eddy, denn am vorletzten WE haben wir eine Kutschenrallye mitgemacht). Dieser Sonntag soll mal so richtig zum Faulenzen sein! Auf der Terrasse frühstücken, dann die Zeitung lesen, etwas in den Zeitschriften blättern und die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. So hab ich es mir vorgestellt! Einfach wohlfühlen.

Wir sind spät aufgestanden und haben lange gefrühstückt. Dann klingelt das Telefon: Bestimmt meine Mama, sie ruft häufig Sonntag Vormittag an (obwohl ich meistens beim Pferd bin, sie wundert sich aber trotzdem jedes Mal *g*) Ich geh' also 'ran und melde mich. "Hallo Katrin, ich bin's, Jürgen - vom Pony Express". Ich bin etwas verwirrt, dann klickt es aber gleich. Jürgen hatte mir im April die Info's zum Postritt gemailt. Ich habe es auf meine HP gestellt, da ich es super interessant fand. Allerdings hatte ich beschlossen, daß es nichts für mich und mein Pferd ist, da wir eher zu den ruhigeren Reitern gehören. Die Zeitvorgabe ist auch nicht ohne und mal eben 25 km im flotten Tempo - nö, das ist nix für uns. So hatte ich damals gedacht. Naja, nun also Jürgen am Telefon: "Hallo Jürgen, wie geht's denn so - ist nicht jetzt irgendwann Euer Ritt geplant?" "Ja, genau, ist er. Allerdings ist ein Reiter ausgefallen - kannst Du einspringen?" - Pause, ich ganz stumm. "Hm, ich weiß nicht. Wann denn?" "Heute, um 16.20 Uhr ist Start in Benkeloh". Ich kann nur noch ein "Oh, je" stammeln und sage, daß ich Bedenkzeit bräuchte und in spätestens 10 Min. wieder zurückrufen werde. 

Es ist 11 Uhr. Mein erster Gedanke war: Nein, daß kann ich nicht. Ich weiß nicht wohin, wie lange, ob mein Pferd mitmacht und überhaupt... Dann habe ich nachgedacht: Was spricht dagegen? Mir fiel nichts Plausibles ein. Mein Pferd ist gesund, ich fühl mich gut, ich kann Karten lesen - warum also nicht? Natürlich brauchte ich Hilfe. Thomas würde mich zum Startpunkt fahren und am Ende des Rittes wieder abholen. Auch den Weg nach Benkeloh würde er heraussuchen, denn wir wußten nicht, wo es war - nur, daß es nicht weit weg war.

Ich rief also bei Jürgen zurück und sagte, daß wir mitmachen würden. Allerdings gab es noch ein paar Handycaps: Wir können auf keinen Fall die vorgegebene Zeit einhalten, da Eddy nicht im entsprechenden Training war: Wurde akzeptiert. Ich hatte keinerlei Kartenmaterial für den Weg: Kein Problem, sie würden es mir geben. Eddy ist barfuß - gibt es Randstreifen zum Reiten? Das wußten die Helfer nicht, aber es würden wohl viele Feldwege sein und meistens geht's ja am Rand... Ich sagte also definitiv zu.

Also: Sattelpacktaschen 'raussuchen und packen (Ein Drink für mich, ein paar Bonsche und Eddys Sachen, wie Halfter, Strick und Leckerlies) Da alles andere parat war, war es nicht so zeitkritisch für uns: Anhänger fertigmachen, Auto packen, Pferd putzen und los ging's.

Als wir um ca. 15 Uhr in Benkeloh bei Fintel ankamen, wurden wir sehr nett begrüßt. Eddy wurde ausgeladen, da es im Anhänger ja auch sehr warm war. Es folgte die Vereidigung, dann bekam ich mein Kartenmaterial mit dem eingezeichneten Weg. Ich kannte nichts von dieser Strecke. Die Postreiterin vor mir war schon eingetroffen und konnte mir noch etwas zu den Wegen sagen - aber auch nur, in welche Richtung es losging... Dann bekamen wir noch eine Bibel, einen Ausweis und eine Postkarte, auf der wir uns als Empfänger notierten. Die Postkarte wurde mit in die Posttaschen gesteckt und Eddy bekam 2 Satz Packtaschen auf den Rücken geschnallt - irgendwie war ich der Meinung, daß wir nur einen "Musterbrief" - sozusagen stellvertretend für die Briefe, die damals befördert wurden - mitnehmen würden. Naja, Eddy mußte nun also schleppen. Die Taschen waren mit Schlössern verschlossen, die sehr stark klapperten und schepperten. Aber das Postgeheimnis muß ja gewahrt werden!

Da wir ja eine vorgegebene Zeit hatten, mußten wir auch schnellstens los. Wenn jeder nur eine 1/2 Std. Verspätung hätte - der ganze Terminplan würde durcheinander kommen, denn es war ja ein Ritt von 5 Tagen, rund um die Uhr! Wir konnten bereits um 16 Uhr starten und es war ziemlich aufregend für uns. An markanten Punkten standen Helfer, denn jedes Verreiten bedeutete ja auch Zeitverlust! Wir sind also immer der Karte nach, haben die Helfer mal von Dichtem, mal aus der Ferne gesehen und haben die Wege recht gut gefunden. An einer Stelle im Wald - ich wollte gucken, ob wir richtig sind, schlug ich mit meiner Kartentasche die Mücken aus meinem Gesicht. Kurze Zeit später fühlte ich obligatorisch an meinem Ohr, ob "ich noch alle beisammen habe". Au weia! Mein Ohrring war weg. Ich hatte nur noch den Stecker in der Hand. Ich war am kämpfen: Zum Umdrehen und Suchen hatte ich weder Zeit, noch dachte ich, daß ich den Schmuck wiederfinden würde. Wenn ich aber ohne nach Hause kommen würde: Thomas wäre traurig (ich natürlich auch!). Naja, versuchen kann man es ja. Also: Pferd umgedreht und bis zur Lichtung geritten, wo ich mit der Karte gewedelt hatte. Ich bin abgestiegen und dachte noch: "Den findest Du nie!", schau an Eddy herunter und sehe ihn: Direkt hinter Eddys linkem Hinterfuß lag er! Ein kleiner Ohrstecker!!! Das ich den wiedergefunden habe, erstaunlich! Lag es an der Bibel, die ich mithatte....?

Wir sind weiter. Unser Tempo war recht flott, sehr viel Trab, ab und zu ein Galopp und manchmal auch Schritt. Wir kamen durch Wege, die eigentlich keine mehr waren; einer war zugewachsen, mit brusthohen Brennesseln, Bäumchen, die quer wuchsen, Äste, die von einer Seite zur anderen ragten. Eddy ging durch und drückte sie mit seiner Brust zur Seite: Mal den Kopf hoch, manchmal duckten wir uns. Ich denke, unsere Stute wäre hier nicht weitergegangen!

Irgendwann hörte ich, wie jemand meinen Namen rief: "Kaaaaatriiiiin" - sie suchten mich bereits. Aber eigentlich war ich auf dem richtigen Weg und bin auch auf die gewünschte Straße gekommen, wahrscheinlich aber etwas oberhalb oder unterhalb als geplant ;-) Bloß keine Zeit verlieren... Na denn, es war also alles richtig und ich ritt weiter. Nach einiger Zeit sollte ich über einen Feldweg kommen, leider fand ich ihn nicht und mußte einen kleinen Umweg reiten. Danach ging's eine Weile Straßen entlang, bis ich wieder auf Feldwege traf. Diese ritt ich, wie in der Karte eingezeichnet, entlang. Doch plötzlich waren sie zu Ende. Ein frisch gepflügter Acker lag zwischen der Fortführung des Weges und uns. Nachdem wir noch mehrere solcher Erlebnisse hatten, sind wir am Rand entlang geritten und kamen dann auch bald zur B3, die wir ein Stück entlang reiten mußten. Nun in eine kleine Straße und eine schmale Minibrücke mit Geländer überqueren - trägt sie uns? Gott sei dank ist Eddy ein Pferd, der wirklich überall längs geht. Solange ich der Meinung bin, daß das der Weg für uns ist, geht er mit. Also war auch die Brücke kein Problem.

In Wehlen, ein Ort mitten in der Lüneburger Heide - hier ist kein Autoverkehr gestattet! -  wurden wir bereits erwartet! Wir haben statt der geplanten 3 Stunden doch 4 gebraucht, hatten vorher ja früher starten können, so gab's durch uns eine Zeitverzögerung gegenüber dem Plan von einer halben Stunde. Ich denke, dafür, daß das alles nicht geplant... usw. war, ist es ein gutes Ergebnis!

Wir wurden wieder freundlichst empfangen. Ich muß sagen: Tolle Organisation! Ich konnte Eddy sogar abspritzen, denn er war sehr naßgeschwitzt, danach noch an der Hand etwas grasen lassen und ihm später von dem mitgebrachten Futter geben.

Zum Abschluß gab es eine "Anerkennungsurkunde" - sogar mit Foto von der Vereidigung und eine Einladung zur Weihnachtsfeier an der Tschechischen Grenze mit allen Post-Ritt-Teilnehmern.

Es war ein aufregender, toller Tag und es hat viel Spaß gemacht. Es war eine echte Herausforderung, da wir überhaupt nicht vorbereitet, geschweige denn darauf eingestellt waren.... Es sollte ein ruhiger Sonntag werden....

Ob ich im nächsten Jahr wieder dabei bin? Mal sehen, ob das Telefon plötzlich klingelt ;-)

 

         Katrin                            
- vereidigte Postreiterin -                        

© 2002 by Katrin Maerten, Wintermoor / Germany. Letzte Änderung: 20.09.02